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    A Thing of Beauty

    Ihr, lieben Buchwürmer, diesmal stelle ich euch ein Buch vor, dass mir von Seiten des Verlages zugetragen wurde. Vor einigen Wochen hatte mir der Phantom Verlag netterweise ein Rezensionsexemplar ihres neu erschienenen Romans „A Thing of Beauty“ von Lilian Rogart zur Verfügung gestellt. Aufgrund von Zeitmangel hat es zwar etwas gedauert, aber hier möchte ich euch nun endlich darüber berichten.

    Bisher hatte ich weder von dem Verlag selbst noch von der Autorin etwas gehört, daher war ich sehr gespannt. Kleine Verlagshäuser haben es gegen die Mediengewalt der großen Konkurrenten immer schwerer, da war es schön auch mal ein relativ unbekanntes Werk in die Finger zu bekommen. Neugierig gemacht hatte mich aber auch die Aussage des Verlags, dass sie sich auf die Verbindung von Romanen und Rockmusik spezialisiert haben. Musik und Bücher sind schließlich ebenfalls meine beiden Passionen.

    Rogarts Debütroman erzählt aus der Sicht des junge Charles Rice, der gerade sein juristisches Staatsexamen abgeschlossen hat. Bevor er sich ins Berufsleben stürzt, möchte er zunächst noch mehr von der Welt erkunden. Dabei trifft er jedoch erstmal auf eine ehemalige Freundin seiner Eltern, Frances Dean. Diese hatte sich bereits in jungen Jahren einen Namen als Managerin zweier berühmter Rockbands gemacht, lebt nun aber völlig zurückgezogen auf ihrem Anwesen Ffrangcon Court. Auf eben diesem eröffnet sich für Charles eine völlig neue Welt. Dean hat sich in ihrer Abgeschiedenheit eine wunderbare Gartenanlage errichtet, die den angehenden Anwalt komplett in ihrem Bann zieht. Auf der anderen Seite lernt er durch Frances Dean jedoch auch die kontroverse und aufregende Welt der Rockmusik und des Musikgeschäfts kennen. Die beiden Bereiche sind so gegensätzlich, dass er nur schwer verstehen kann, wie Dean ein Teil von beidem ist. Das wird ihm vor allem bewusst, als diese sich in einem Pubkonzert von einer außergewöhnlichen Sängerin wieder von ihrem früheren Leben anstecken lässt und wieder als Managerin arbeiten möchte.  

    Dieser Spagat zwischen den beiden Themen des Romans gelingt der Autorin nur teilweise. Gerade in der ersten Hälfte steckt sie sehr viel Aufwand darein, den Garten möglichst detailliert zu beschreiben. Statt einer bildreichen Vorstellung führt das jedoch nur dazu, dass sie damit vermutlich nur echte Blumenliebhaber mitreisen kann. Ich selber musste mich mehr schlecht als recht. Der zweite Teil des Romans hat mir dagegen besser gefallen, denn mit Frances Deans Rückkehr in die Musikbranche nahm die Handlung endlich etwas mehr Fahrt auf. Ich war Neugierig darauf, wie sich ihr zweiter Anlauf im Berufsleben wohl entwickeln wird, aber auch ob dies einen negativen Einfluss auf ihre Freundschaft zu Charles nimmt. Das hat sich aus meiner Sicht, dann auch zufriedenstellend entwickelt.

    Trotzdem wäre es für weitere Werke von Lilian Rogart wünschenswert, weniger Zeit auf ausschweifende Detailbeschreibungen zu verwenden und stattdessen mehr Handlung zu integrieren. Auch hat sie viele interessante philosophische Fragestellungen über Gott, über Ästhetik oder die Natur des Künstlers. Allerdings werden zu viele Fragen aufgeworfen, sodass diese nur oberflächlich behandelt werden und stellenweise der Handlung aufgezwungen wirken.  

    Lilian Rogart: „A Thing of Beauty“. Phantom Verlag. 246 S., 20 €

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    Vom Aufwachsen in einer Glaubensgemeinschaft

    „Kein Teil der Welt“ heißt der neue Roman von Stefanie de Velasco und hat erstmal so gar nichts mit ihrem Erstlingswerk „Tigermilch“ gemeinsam. Während ihre beiden Heldinnen dort scheinbar vollkommen unbeaufsichtigt von Erwachsenen durch eine Welt voller Sex, Drogen und Gewalt streunen, dreht es sich diesmal um die überbehütete Esther. In einer Nacht-und-Nebel-Aktion ziehen deren Eltern mit ihr kurz nach der Wende in den Osten Deutschlands. Als treue Anhänger der Zeugen Jehovas möchten sie dort eine neue Gemeinde aufbauen, vor allem aber auch die vergangenen Geschehnisse hinter sich lassen. Esther tut sich damit jedoch schwer. Zu viel scheint geschehen zu sein, um einen wirklichen Neubeginn zu wagen. Was genau passiert ist, erfährt man beim Lesen zunächst aber lediglich bruchstückhaft. Klar ist nur, dass es mit ihrer Freundin Sulamith zusammenhängt. Seit Kindertagen waren die beiden Mädchen unzertrennlich, denn Kontakt zu Menschen außerhalb ihrer Glaubensgemeinschaft haben die beiden kaum. Doch auch diese Freundschaft ist kein Teil von Esthers Welt mehr, was einen großen Verlust für sie darstellt. So versucht sie in ihrer neuen Heimat herauszufinden, was mit Sulamith passiert ist, stößt währenddessen jedoch auch auf eine Seite ihrer Familiengeschichte, die ihre Eltern vor ihr zu verheimlichen versuchten.

    Ich war sehr gespannt gewesen, was mich in Velascos neuen Roman erwarten würde und bin positiv überrascht worden. Die Thematik hatte mich anfangs etwas abgeschreckt. Ich fürchtete, es könnte möglicherweise theatralisch ausarten, aber das war zum Glück nicht der Fall. Einerseits erzählt sie wie beiläufig von dem streng durchorganisierten Alltag, bei dem jeder sich an Predigtdienst oder den wöchentlichen Zusammenkünften beteiligen muss, denn für Esther gehören diese schließlich zu ihrem Leben unweigerlich dazu. Andererseits gelingt es der Autorin sehr einfühlsam, den Leser auch auf der Gefühlsebene diese eher ungewöhnliche Welt spürbar zu machen. So ist vor allem Kälte ein stetig wiederkehrendes Motiv. Kalt scheinen die vor Ruß ergrauten Häuser der neuen Heimat, kalt sind die langen Predigtdienste im Winter, aber kalt scheint auch Esthers Verhältnis zu ihrer gefühlsarmen Mutter. Da beginnt man beim Lesen fast schon selbst zu frieren.   

    In all ihren Schilderungen schafft Velasco den Spagat, zwar die Absurditäten dessen aufzuzeigen, ohne jedoch diese ins Lächerliche zu ziehen. Möglicherweise liegt das daran, dass die Autorin hier ihre eigenen Erfahrungen verarbeitet. Esthers Entwicklung hin zu Emanzipation wirkt auf mich sehr authentisch. Ein einziger Wermutstropfen wäre für mich, dass ich die familiären Verstrickungen teilweise als etwas unausgereift empfunden habe. Das hat jedoch dem ganzen keinen Abbruch getan, sodass ich „Kein Teil der Welt“ guten Gewissens weiterempfehlen würde.    

    Stefanie De Velasco: „Kein Teil der Welt“. Kiepenheuer & Witsch. 432 S., 22 €

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    Frau im Dunkeln

    Elena Ferrante war im letzten Jahr definitiv eine meiner liebsten Autorinnen, “Meine geniale Freundin” und die Folgebände habe ich regelrecht verschlungen. Als ich die Liste der Suhrkamp-Neuveröffentlichungen für das Frühjahr 2019 durchblätterte, fiel mir deshalb sofort “Frau im Dunkeln” ins Auge und ich wusste, dass ich diesen Ferrante-Roman lesen muss. Zu meiner allergrößten Freude bekam ich dann auch bereits vor einigen Wochen ein Rezensions-Exemplar davon zugesandt, allerdings durfte ich noch nicht sofort darüber berichten. Ich musste mich lange gedulden und nun ist es also endlich soweit. Für diese Gelegenheit bin ich dem Suhrkamp-Verlag sehr dankbar!

    Wie ich bereits erwähnt habe, bin ich ein riesiger Fan der Neapolitanischen Saga. Das hatte aber auch zur Folge, dass ich große Erwartungen an diese Neuerscheinung hatte. Gleichzeitig hatte ich somit aber genauso viel Angst davor, enttäuscht zu werden. Trotzdem überwog meine Neugier dann doch recht schnell und ich hatte das Buch innerhalb eines Abends durchgelesen.

    Ferrante erzählt diesmal aus der Perspektive von Leda. Eine Frau um die 50, deren Kinder schon erwachsen und in die Ferne gezogen sind. Von ihrem Mann ist sie bereits längere Zeit getrennt und so genießt sie scheinbar ihr neues ungebundenes Leben in vollen Zügen. Um diese Freiheit auch gebührend zu nutzen, beschließt sie nach langer Zeit wieder einen Urlaub am Meer zu machen. Dabei wird aber von Anfang an klar, dass dieses keineswegs ein vollkommen unbefangener Ausflug sein wird. Schon als sie in ihrer Ferienunterkunft ankommt, entdeckt sie, dass die zunächst perfekt arrangierte Obstplatte unter der Oberfläche bereits zu faulen beginnt. Damit ist der Tenor der weiteren Handlung gesetzt.

    Die scheinbare Idylle, die sie dort vorfindet, verwandelt sich für sie schnell in das Gegenteil – längst vergessene Ängste werden bald wieder in ihr aufgewirbelt.

    Wenn ich Ferrante lese, habe ich konstant das Gefühl, direkt auf einen Unfall zu zu steuern, ohne daran irgendetwas verhindern zu können. Das war auch dieses Mal so. Während dem Lesen gerät man tiefer und tiefer in das psychische Chaos von Leda. Je mehr Puzzlesteine aus ihrer Vergangenheit aufgelöst werden, desto mehr beginnt man Verständnis für ihr Verhalten zu entwickeln. Trotzdem bleibt man als Leser auch immer wieder mit Unverständnis zurück, gerade wenn sie schonungslos offen über ihre Rolle als Mutter resümiert.

    Ferrante beschreibt, wie gewohnt, besonders das Innenleben ihrer Figur so intensiv, dass man sich diesem kaum entziehen kann und mitfiebert bis zur letzten Seite.

    Wer ihre Durchbruchs-Reihe allerdings schon gelesen hat, dem erscheint die Protagonistin schnell vertraut. Ferrante hatte diesen Roman 2006 geschrieben, also noch einige Jahre vor “Meine geniale Freundin” und das merkt man auch. Ich hatte beim Lesen das Gefühl, dass darin schon viel Vorarbeit für Lila und Lenu lag. So greift sie auch hier Themen über schwierige Mutter-Tochter-Beziehungen auf oder etwa die Problematik, ein selbstbestimmtes Leben auch außerhalb der Rolle als Mutter zu führen. Das bietet für mich als Leser natürlich wiederum viel Spielraum für Spekulationen: Wie viel davon steckt wohl in der Autorin selbst? Schließlich bleibt sie (und will dies auch bewusst bleiben) immer nur die Frau im Dunkeln.

    Wenn ich mein Fazit zu diesem Roman ziehe, so muss ich nochmal betonen, man spürt sehr deutlich, dass es das Vorgängerwerk zu “Meine geniale Freundin” ist. Viele Thematiken überschneiden sich, die Figur der Leda findet sich auch in Lila und Lenu wieder. Für ihre nächstes Buch erhoffe ich mir also sehr, dass sie sich aus diesem vertrauten Bereichen hinauswagt und sich ihre Werke noch weiter so positiv entwickeln. Ich kann “Die Frau im Dunkeln” vor allem Ferrante-Fans empfehlen, die mehr in die Welt der Autorin eintauchen möchten oder auch Neueinsteigern um mit dem Ferrante-Fever zu beginnen.

    Elena Ferrante : „Frau im Dunkeln“. Suhrkamp. 188 S., 22€

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    Who the Fuck Is Kafka ?

    Als ich in meiner Lieblingsbuchhandlung meine Buchbestellung abholen wollte, fiel mir beim Stöbern zufällig dieses Buch in die Hände. Der Klappentext erfüllte erstmal überhaupt nicht meine durch den Titel “Who the Fuck Is Kafka” geweckten Erwartungen. Trotzdem war mein Interesse dadurch geweckt.

    Die jüdische Autorin Lizzie Doron schildert in ihrem Roman die Situation der (in Jerusalem lebenden) jüdischen und palästinensischen Gesellschaft mit sich selbst und dem fiktiven Helden Nadim Abu Heni in den Hauptrollen. Damit war auch das Genre für mich erstmal unerwartet, was mich beim Lesen der ersten paar Seiten auch ziemlich verwirrte.

    Es handelt sich eindeutig um einen Roman, der aber als eine Art fiktive Biographie der Autorin verfasst ist. Ganz zu beginn schreibt Doron dazu auch kurz, dass die Figur des Nadim lediglich ein fiktiver Held sei, sie ihn jedoch erdacht hat auf Grundlage vieler ihrer palästinensischer Freunde.

    Die eigentliche Handlung beginnt damit, dass die Protagonistin auf einen Friedenskongress nach Rom reist, an dessen Erfolg für den Nahost-Konflikt sie selbst nicht glauben kann. Während sie immer wieder mit den vorschnellen Ansichten der europäischen Teilnehmer konfrontiert wird, lernt sie bald den Palästinenser Nadim kennen. Zunächst ist er ihr suspekt, auch weil die Mehrheit der Anwesenden sich schnell auf seine Seite der Sicht stellt, als er sie jedoch vor einem eskalierenden Konflikt “rettet” und sie zusammen essen gehen, fangen die beiden an sich anzunähern.

    Danach beginnt eine durchaus holprige Freundschaft, die immer wieder droht von politischen Konflikten überschattet zu werden. Dabei verdeutlicht Doron wunderbar, dass auf der einen Seite die ganze Problematik komplexer ist, als uns von hier aus dem entfernten Europa bewusst ist, aber auch auf der anderen Seite auch die für die meisten Konflikte geltende Wahrheit, dass es alles so einfach sein könnte, wenn alle sich selbst ein bisschen mehr zurücknehmen würden und mehr Verständnis für den Gegenüber entwickeln würden.

    Die beiden Protagonisten haben eben damit immer wieder zu kämpfen. Sie kämpfen gegen ihre eigenen Vorurteile und Ängste, aber auch gegen die ihrer Mitmenschen, wobei sie sich Stück für Stück mehr aus ihrer eigenen Komfortzone hinaus wagen.

    Lizzie Doron zeigt in ihrem Buch keine politischen Lösungen auf und auch die Situation ihrer beiden Helden wird nicht aufgelöst, scheint im Gegenteil geradezu aussichtslos. Aber sie erweckt in ihrer Geschichte Verständnis für die beteiligten Parteien und Mitgefühl für die Leidtragenden solcher Auseinandersetzungen.

    Obwohl die Jerusalem-Problematik bei mir in der Schule angesprochen wurde, habe ich mich nie intensiver damit beschäftigt. Beim Lesen war ich jedoch sofort voll involviert in das Geschehen, ohne dass ich irgendeinen persönlichen Bezug dazu hätte.

    “Who the Fuck is Kafka” war eines der Bücher, die mich zum Nachdenken angeregt haben und auch ein Buch, das man nicht einfach zur Seite legt, um es zu vergessen.

    Es war für mich eines der besten Bücher, die ich in letzter Zeit gelesen habe, und ich kann es nur wärmstens weiterempfehlen damit ein Stückchen über seinen eigenen Tellerrand hinüber zu schauen.

     

    Lizzie Doron: „Who the Fuck is Kafka“. dtv. 264 S., 9,90€