• Belletristik,  Klassiker

    Gehe hin und verkünde es vom Berge

    Etwas wofür ich meinen Eltern besonders dankbar bin, ist die Tatsache, dass sie meinen Bruder und mich schon früh in die Welt der Bücher eingeführt haben. Wir bekamen jeden Abend vorgelesen und bei uns zuhause gab es immer ein gut gefülltes Bücherregal, an welchem man sich bedienen konnte (das ist natürlich immer noch der Fall). Als Folge dessen tauschen wir uns bis heute untereinander aus, wer gerade was liest und geben uns gegenseitig Empfehlungen.

    Eine Empfehlung von seiten meines Vater war dieses Jahr “Gehe hin und verkünde es vom Berg” von James Baldwin. Der Roman wurde erst Anfang des Jahres im dtv-Verlag unter dem Titel “Von dieser Welt” neu aufgelegt. Mein Vater selbst hatte das Buch allerdings bereits als Jugendlicher von seiner Tante bekommen und als es ihm vor kurzem wieder in die Hände fiel, legte er es mir ans Herz.

    Baldwins 1953 auf Englisch erschienene Debütroman handelt von einer schwarzen Familie und deren beschwerlichen Leben im Harlem der 30er Jahre. Um den täglichen Rassismus und Diskriminierungen zu entkommen, flüchtet sich diese in einer Welt voller religiösem Fanatismus. Dieses wird vor allem durch den Vater, selbst Diakon der kleinen Gemeinde, gefördert. Er ist es, der über das Leben der ganzen Familie bestimmt, wobei er von seiner Familie vollen Gehorsam erwartet und sich selbst als unfehlbar betrachtet.

    Als ich mit dem Lesen anfing, hatte ich zunächst Schwierigkeiten mich in den Roman hinein zu fühlen. Das hatte vor allen Dingen  damit zu tun, dass die Handlung aus mehreren Teilen aufgebaut ist und sich erst im Zusammenhang das komplette Bild der Geschichte ergibt.

    Die “Rahmenhandlung” bzw. der erste und der dritte Teil werden aus der Perspektive des 14-jährigen Sohnes John geschildert. Innerlich wird er durch den Zwiespalt zerrissen, ob er befreit von der religiösen Gemeinde sein Glück in der weltlichen Welt der Weißen finden kann oder ob er dem Wunsch seiner Mutter nachkommt. Dies würde bedeuten in die (religiösen) Fußstapfen seines Vaters Gabriel zu treten. Während diesen Überlegungen seitens John, wird das zerrüttete Verhältnis zu seinem Vater deutlich, der offensichtlich seinen zweiten Sohn bevorzugt, obwohl dieser der Gemeinde eigentlich vollkommen den Rücken kehrt.

    Fast die komplette Handlung findet innerhalb einer Sonntagsmesse statt, wobei im Mittelteil der Leser immer mehr Puzzlesteine der Hintergrundhandlung in Form von Gebeten der verschiedenen Familienangehörigen erhält. Dabei kam für mich dann auch sozusagen die Erleuchtung, Stück für Stück beginnt man zu verstehen, was mit den komplexen Beziehungen innerhalb der Familie auf sich hat und auch weshalb Johns Stand darin so schwer ist. Für mich war besonders der Kontrast zwischen Tante Florence’s Gebet und des ihrem Bruders Gabriel (Johns Vater) interessant, weil sich dabei nochmal zeigt, wie verblendet Gabriel von sich selbst ist, sodass er den “Balken im eigenen Auge” nicht sehen kann. In den Rückblenden der beiden wird nämlich deutlich, dass Gabriel keinesfalls der Heilige ist, der er vorgibt zu sein.

    Während ich also anfangs meine Schwierigkeiten hatte, war ich umso faszinierter je weiter ich beim Lesen kam. Zum einen spiegelt “Gehe hin und verkünde es vom Berge” überzeugend die Bedingungen der Schwarzen in der USA während dieser Zeit. Ich als weiße, deutsche Frau der Gegenwart habe davon natürlich relativ wenig Ahnung und fand es umso interessanter, diese andere Perspektive einzunehmen.

    Zum anderen war auch die Literaturstudentin in mir begeistert, weil dieser an sich kurze Roman in meinen Augen unheimlich kunstvoll und komplex aufgebaut ist und man ihn sicherlich mehrfach lesen muss, um eben diese Komplexität im vollem Umfang zu begreifen bzw. überhaupt wahrzunehmen.

    Ich kann dieses Buch nur wärmstens weiterempfehlen und ich habe fest vor, auch noch einige andere Werke von James Baldwin zu lesen!       

    James Baldwin: „Gehe hin und verkünde es vom Berge“ aktuell erschienen als „Von dieser Welt“.dtv. 320 S., 22,00€.

    (Meine Ausgabe ist von 1971, noch im Rowohlt-Verlag erschienen.)

  • Belletristik,  Gegenwartsliteratur

    Who the Fuck Is Kafka ?

    Als ich in meiner Lieblingsbuchhandlung meine Buchbestellung abholen wollte, fiel mir beim Stöbern zufällig dieses Buch in die Hände. Der Klappentext erfüllte erstmal überhaupt nicht meine durch den Titel “Who the Fuck Is Kafka” geweckten Erwartungen. Trotzdem war mein Interesse dadurch geweckt.

    Die jüdische Autorin Lizzie Doron schildert in ihrem Roman die Situation der (in Jerusalem lebenden) jüdischen und palästinensischen Gesellschaft mit sich selbst und dem fiktiven Helden Nadim Abu Heni in den Hauptrollen. Damit war auch das Genre für mich erstmal unerwartet, was mich beim Lesen der ersten paar Seiten auch ziemlich verwirrte.

    Es handelt sich eindeutig um einen Roman, der aber als eine Art fiktive Biographie der Autorin verfasst ist. Ganz zu beginn schreibt Doron dazu auch kurz, dass die Figur des Nadim lediglich ein fiktiver Held sei, sie ihn jedoch erdacht hat auf Grundlage vieler ihrer palästinensischer Freunde.

    Die eigentliche Handlung beginnt damit, dass die Protagonistin auf einen Friedenskongress nach Rom reist, an dessen Erfolg für den Nahost-Konflikt sie selbst nicht glauben kann. Während sie immer wieder mit den vorschnellen Ansichten der europäischen Teilnehmer konfrontiert wird, lernt sie bald den Palästinenser Nadim kennen. Zunächst ist er ihr suspekt, auch weil die Mehrheit der Anwesenden sich schnell auf seine Seite der Sicht stellt, als er sie jedoch vor einem eskalierenden Konflikt “rettet” und sie zusammen essen gehen, fangen die beiden an sich anzunähern.

    Danach beginnt eine durchaus holprige Freundschaft, die immer wieder droht von politischen Konflikten überschattet zu werden. Dabei verdeutlicht Doron wunderbar, dass auf der einen Seite die ganze Problematik komplexer ist, als uns von hier aus dem entfernten Europa bewusst ist, aber auch auf der anderen Seite auch die für die meisten Konflikte geltende Wahrheit, dass es alles so einfach sein könnte, wenn alle sich selbst ein bisschen mehr zurücknehmen würden und mehr Verständnis für den Gegenüber entwickeln würden.

    Die beiden Protagonisten haben eben damit immer wieder zu kämpfen. Sie kämpfen gegen ihre eigenen Vorurteile und Ängste, aber auch gegen die ihrer Mitmenschen, wobei sie sich Stück für Stück mehr aus ihrer eigenen Komfortzone hinaus wagen.

    Lizzie Doron zeigt in ihrem Buch keine politischen Lösungen auf und auch die Situation ihrer beiden Helden wird nicht aufgelöst, scheint im Gegenteil geradezu aussichtslos. Aber sie erweckt in ihrer Geschichte Verständnis für die beteiligten Parteien und Mitgefühl für die Leidtragenden solcher Auseinandersetzungen.

    Obwohl die Jerusalem-Problematik bei mir in der Schule angesprochen wurde, habe ich mich nie intensiver damit beschäftigt. Beim Lesen war ich jedoch sofort voll involviert in das Geschehen, ohne dass ich irgendeinen persönlichen Bezug dazu hätte.

    “Who the Fuck is Kafka” war eines der Bücher, die mich zum Nachdenken angeregt haben und auch ein Buch, das man nicht einfach zur Seite legt, um es zu vergessen.

    Es war für mich eines der besten Bücher, die ich in letzter Zeit gelesen habe, und ich kann es nur wärmstens weiterempfehlen damit ein Stückchen über seinen eigenen Tellerrand hinüber zu schauen.

     

    Lizzie Doron: „Who the Fuck is Kafka“. dtv. 264 S., 9,90€