Belletristik,  Gegenwartsliteratur

Frau im Dunkeln

Elena Ferrante war im letzten Jahr definitiv eine meiner liebsten Autorinnen, “Meine geniale Freundin” und die Folgebände habe ich regelrecht verschlungen. Als ich die Liste der Suhrkamp-Neuveröffentlichungen für das Frühjahr 2019 durchblätterte, fiel mir deshalb sofort “Frau im Dunkeln” ins Auge und ich wusste, dass ich diesen Ferrante-Roman lesen muss. Zu meiner allergrößten Freude bekam ich dann auch bereits vor einigen Wochen ein Rezensions-Exemplar davon zugesandt, allerdings durfte ich noch nicht sofort darüber berichten. Ich musste mich lange gedulden und nun ist es also endlich soweit. Für diese Gelegenheit bin ich dem Suhrkamp-Verlag sehr dankbar!

Wie ich bereits erwähnt habe, bin ich ein riesiger Fan der Neapolitanischen Saga. Das hatte aber auch zur Folge, dass ich große Erwartungen an diese Neuerscheinung hatte. Gleichzeitig hatte ich somit aber genauso viel Angst davor, enttäuscht zu werden. Trotzdem überwog meine Neugier dann doch recht schnell und ich hatte das Buch innerhalb eines Abends durchgelesen.

Ferrante erzählt diesmal aus der Perspektive von Leda. Eine Frau um die 50, deren Kinder schon erwachsen und in die Ferne gezogen sind. Von ihrem Mann ist sie bereits längere Zeit getrennt und so genießt sie scheinbar ihr neues ungebundenes Leben in vollen Zügen. Um diese Freiheit auch gebührend zu nutzen, beschließt sie nach langer Zeit wieder einen Urlaub am Meer zu machen. Dabei wird aber von Anfang an klar, dass dieses keineswegs ein vollkommen unbefangener Ausflug sein wird. Schon als sie in ihrer Ferienunterkunft ankommt, entdeckt sie, dass die zunächst perfekt arrangierte Obstplatte unter der Oberfläche bereits zu faulen beginnt. Damit ist der Tenor der weiteren Handlung gesetzt.

Die scheinbare Idylle, die sie dort vorfindet, verwandelt sich für sie schnell in das Gegenteil – längst vergessene Ängste werden bald wieder in ihr aufgewirbelt.

Wenn ich Ferrante lese, habe ich konstant das Gefühl, direkt auf einen Unfall zu zu steuern, ohne daran irgendetwas verhindern zu können. Das war auch dieses Mal so. Während dem Lesen gerät man tiefer und tiefer in das psychische Chaos von Leda. Je mehr Puzzlesteine aus ihrer Vergangenheit aufgelöst werden, desto mehr beginnt man Verständnis für ihr Verhalten zu entwickeln. Trotzdem bleibt man als Leser auch immer wieder mit Unverständnis zurück, gerade wenn sie schonungslos offen über ihre Rolle als Mutter resümiert.

Ferrante beschreibt, wie gewohnt, besonders das Innenleben ihrer Figur so intensiv, dass man sich diesem kaum entziehen kann und mitfiebert bis zur letzten Seite.

Wer ihre Durchbruchs-Reihe allerdings schon gelesen hat, dem erscheint die Protagonistin schnell vertraut. Ferrante hatte diesen Roman 2006 geschrieben, also noch einige Jahre vor “Meine geniale Freundin” und das merkt man auch. Ich hatte beim Lesen das Gefühl, dass darin schon viel Vorarbeit für Lila und Lenu lag. So greift sie auch hier Themen über schwierige Mutter-Tochter-Beziehungen auf oder etwa die Problematik, ein selbstbestimmtes Leben auch außerhalb der Rolle als Mutter zu führen. Das bietet für mich als Leser natürlich wiederum viel Spielraum für Spekulationen: Wie viel davon steckt wohl in der Autorin selbst? Schließlich bleibt sie (und will dies auch bewusst bleiben) immer nur die Frau im Dunkeln.

Wenn ich mein Fazit zu diesem Roman ziehe, so muss ich nochmal betonen, man spürt sehr deutlich, dass es das Vorgängerwerk zu “Meine geniale Freundin” ist. Viele Thematiken überschneiden sich, die Figur der Leda findet sich auch in Lila und Lenu wieder. Für ihre nächstes Buch erhoffe ich mir also sehr, dass sie sich aus diesem vertrauten Bereichen hinauswagt und sich ihre Werke noch weiter so positiv entwickeln. Ich kann “Die Frau im Dunkeln” vor allem Ferrante-Fans empfehlen, die mehr in die Welt der Autorin eintauchen möchten oder auch Neueinsteigern um mit dem Ferrante-Fever zu beginnen.

Elena Ferrante : „Frau im Dunkeln“. Suhrkamp. 188 S., 22€

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