Belletristik,  Gegenwartsliteratur

Eine lang erwartete Fortsetzung

Hallo ihr lieben Leseratten!

Wie vermutlich bei euch allen hat Corona mein Leben momentan fest im Griff. Ich bleibe brav zuhause und halte Abstand von meinen Mitmenschen. Aber immerhin ist jetzt ein guter Zeitpunkt für Buchliebhaber. So viel Zeit in Ruhe zu Lesen wie jetzt, hatte ich wahrscheinlich noch nie. Trotzdem merke ich, dass meine Stimmung von den vielen schlechten Nachrichten getrübt wird. Da brauche ich umso mehr Bücher, die mich zum Lachen bringen. Eines davon möchte ich euch auf diesem Wege vorstellen.

2012 gelang dem Schweizer Autor Thomas Meyer mit seinem Roman „Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse“ der Durchbruch. Im Zentrum der Handlung stand der junge Motti Wolkenbruch, der mit seiner streng jüdischen Familie in Zürich lebte. Als jüngster Sohn stand er schwer unter dem Pantoffel seiner Mame. Diese wünschte sich nichts sehnlicher, als endlich eine anständige jüdische Ehefrau für ihren Sohn zu finden. Doch als der stattdessen in seinem Studium die attraktive Laura kennen lernt, nimmt das Unheil seinen Lauf. Das Entsetzen der Familie ist groß, als sie von Mottis Liebe zu einer Schickse – einer Nichtjüdin – erfährt.

In seinem Debütroman überzeugte Meyer mich vor allem mit seinem jiddischen Wortwitz und einer großen Portion Humor. Das Buch wurde im deutschsprachigen Raum zu einem Besteller, erhielt unter anderem eine Nominierung für den Schweizer Buchpreis.  Auch die 2018 erschienene Verfilmung von Michael Steiner stand dem nicht nach. Sie wurde zum beliebtesten Schweizer Film des Jahres und ist bisher die einzige weltweit erhältliche Schweizer Produktion auf dem Streamingdienst Netflix. Der Film hat übrigens tolle Aufnahmen von Zürich. Eigentlich wohne ich ja direkt an der Grenze, aber durch die aktuelle Situation ist die Schweiz so weit weg von hier wie noch nie. Da bietet die Verfilmung eine gute Möglichkeit einen Blick auf das schöne Zürich zu werfen.  

Ende letzten Jahres erschien nun aber auch eine Fortsetzung dazu. Auch in ihr hat Motti wieder einiges zu durchstehen. Nachdem er für seine Familie aufgrund des Verhältnisses zu einer Schickse gestorben ist (selbst eine Todesanzeige haben sie aufgegeben), droht Motti im Hotel zu versumpfen. Doch das währt nicht lange. Von einem Gleichgesinnten wird er mit in ein Kibbuz nach Tel-Aviv eingeladen, was sich jedoch schnell als Standort der Gesellschaft des Weltjudentums entpuppt. Doch trotz prominenter Unterstützung ist deren Streben nach Weltherrschaft bisher erfolglos. Erst als Motti gegen seinen Willen zum Anführer der Gruppe ernannt wird, wendet sich das Blatt. Doch eine geheime Untergrundbewegung von Nazis verfolgt dasselbe Ziel. Mit einer gefährlich attraktiven Agentin wollen sie Motti deshalb aus dem Weg räumen.

Spielte der erste Band noch überwiegend im beschaulichen Orthodoxen-Viertel in Zürich, schlägt Meyer in seinem zweiten Band vollkommen unerwartete Wege ein. Immer noch mit viel Witz und jiddischen Charme macht er dabei vor keinem Klischee halt und führt diese stattdessen ad absurdum. Da versuchen Nazis jüdischer zu werden, um Juden zu infiltrieren. Die Mitglieder des Weltjudentums wollen dagegen mit einer Freundschaftsanfrage an Mark Bergzucker Facebook übernehmen. Doch obwohl beim Leser für viele Lacher gesorgt ist, möchte Meyer dennoch auf ein ernstes Thema aufmerksam machen. Mit Logik könne man nicht gegen Antisemitismus ankommen, da sei er eben ironisch geworden. Ich bin ihm dafür sehr dankbar, denn mir Hilft er damit durch diesen doch recht tristen Alltag. Vielleicht ja auch euch 🙂

Thomas Meyer: „Wolkenbruchs waghalsiges Stelldichein mit der Spionin“. Diogenes. 288 S., 24 €

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