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Gesichertes – Stories

Egoistisch, verweichlicht, arbeitsscheu – das sind ein paar der Klischees, die gerne der Generation Y nachgesagt werden. Die viel kritisierte Generation, die in den 80er Jahren bis Ende der 90er geboren wurde. Auch die 1981 in Wuppertal geborene Hanna Lemke ist Teil davon und geht in ihrem Debütwerk “Gesichertes” dem Lebensgefühl dieser Bevölkerungsgruppe nach. Da könnte man erwarten, die Autorin würde sich und ihre Zeitgenossen möglicherweise in ein besseres Licht rücken. Doch weit gefehlt, sie bestärkt sie im Gegenteil noch.

So beschreibt sie sich selbst laut der FAZ als ein „völlig ambitionsloser Mensch“, dies wird auch in den Figuren ihrer Erzählungen deutlich spürbar.

So geht es in der titelgebenden Geschichte beispielsweise um den umtriebigen Georg, dessen gesamter Besitz in eine Reisetasche passt. Weiter heißt es über ihn: “Seit Jahren fing Georg immer wieder etwas an und hörte, wenn es ihm langweilig wurde, damit auf; eine Ausbildung, ein Studium, einen Job und, zuletzt, ein Leben bei mir.” Dies ist ein roter Faden, der sich durch die komplette Kurzgeschichtensammlung zieht. Entgegen dem Titel ist in den Leben der (meist nicht) handelnden Figuren nichts gesichert. Weder das Einkommen, noch die Liebe. So verspricht es schon der Klappentext.

Von 2002 bis 2006 studierte Lemke am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig. Den gezielten Einsatz von Worten hat sie dort anscheinend gelernt. Trotz einer knappen, aber präzisen Sprache, wirken ihre Situationsbeschreibungen sehr bildhaft. Sie kommt dabei ohne viele Schnörkel aus. Minimalismus zeichnet ihren Stil aus. So sind alle ihre Texte nur auf das Wesentlichste reduziert, wenn nicht noch weniger. Das ist zweifellos eine Kunst, der Grad zum Nichtssagend-Sein jedoch schmal. Und hier besteht auch das Hauptproblem. So abrupt wie sie anfangen, enden ihre Szenarien auch wieder, um dann schon wieder vergessen zu werden. Eine nachhaltiger Eindruck bleibt genauso verwehrt, wie der Zugang zu den Protagonisten.

Durch die wenigen enthaltenen Informationen, oft bleibt selbst das Geschlecht der ich-Erzähler im Verborgenen, entsteht eine Distanz, die auch die Protagonisten selbst in ihrem Leben zu haben scheinen. Dadurch fällt es jedoch auch schwer, ein Verständnis für deren Handeln zu entwickeln.

Auch in “Die Liebe unter Aliens” von Terezia Mora ist Einsamkeit und zwischenmenschliche Distanz ein Thema. Mora schafft es jedoch, dass man für die von ihr kreierten gescheiterten Existenzen Empathie entwickeln kann. Manchmal sogar Hoffnung sieht. Bei Lemke entsteht dagegen überwiegend Unverständnis für diese überwältigende Handlungsunfähigkeit.    

Literatur darf und soll sicherlich mit Erwartungen brechen. Durch den Bruch mit Bewährtem entsteht schließlich Fortschritt und Innovation. Doch die Essenz einer Erzählung, den Relevanzpunkt, gänzlich zu streichen, ist gewagt. Wenn die Handlung so minimiert wird, dass jegliche Erzählwürdigkeit verloren scheint, was bleibt dann noch ?


Hanna Lemke: „Gesichertes – Stories“. Verlag Antje Kunstmann. 192 S., 17,90 €

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