• Belletristik,  Gegenwartsliteratur

    Vom Aufwachsen in einer Glaubensgemeinschaft

    „Kein Teil der Welt“ heißt der neue Roman von Stefanie de Velasco und hat erstmal so gar nichts mit ihrem Erstlingswerk „Tigermilch“ gemeinsam. Während ihre beiden Heldinnen dort scheinbar vollkommen unbeaufsichtigt von Erwachsenen durch eine Welt voller Sex, Drogen und Gewalt streunen, dreht es sich diesmal um die überbehütete Esther. In einer Nacht-und-Nebel-Aktion ziehen deren Eltern mit ihr kurz nach der Wende in den Osten Deutschlands. Als treue Anhänger der Zeugen Jehovas möchten sie dort eine neue Gemeinde aufbauen, vor allem aber auch die vergangenen Geschehnisse hinter sich lassen. Esther tut sich damit jedoch schwer. Zu viel scheint geschehen zu sein, um einen wirklichen Neubeginn zu wagen. Was genau passiert ist, erfährt man beim Lesen zunächst aber lediglich bruchstückhaft. Klar ist nur, dass es mit ihrer Freundin Sulamith zusammenhängt. Seit Kindertagen waren die beiden Mädchen unzertrennlich, denn Kontakt zu Menschen außerhalb ihrer Glaubensgemeinschaft haben die beiden kaum. Doch auch diese Freundschaft ist kein Teil von Esthers Welt mehr, was einen großen Verlust für sie darstellt. So versucht sie in ihrer neuen Heimat herauszufinden, was mit Sulamith passiert ist, stößt währenddessen jedoch auch auf eine Seite ihrer Familiengeschichte, die ihre Eltern vor ihr zu verheimlichen versuchten.

    Ich war sehr gespannt gewesen, was mich in Velascos neuen Roman erwarten würde und bin positiv überrascht worden. Die Thematik hatte mich anfangs etwas abgeschreckt. Ich fürchtete, es könnte möglicherweise theatralisch ausarten, aber das war zum Glück nicht der Fall. Einerseits erzählt sie wie beiläufig von dem streng durchorganisierten Alltag, bei dem jeder sich an Predigtdienst oder den wöchentlichen Zusammenkünften beteiligen muss, denn für Esther gehören diese schließlich zu ihrem Leben unweigerlich dazu. Andererseits gelingt es der Autorin sehr einfühlsam, den Leser auch auf der Gefühlsebene diese eher ungewöhnliche Welt spürbar zu machen. So ist vor allem Kälte ein stetig wiederkehrendes Motiv. Kalt scheinen die vor Ruß ergrauten Häuser der neuen Heimat, kalt sind die langen Predigtdienste im Winter, aber kalt scheint auch Esthers Verhältnis zu ihrer gefühlsarmen Mutter. Da beginnt man beim Lesen fast schon selbst zu frieren.   

    In all ihren Schilderungen schafft Velasco den Spagat, zwar die Absurditäten dessen aufzuzeigen, ohne jedoch diese ins Lächerliche zu ziehen. Möglicherweise liegt das daran, dass die Autorin hier ihre eigenen Erfahrungen verarbeitet. Esthers Entwicklung hin zu Emanzipation wirkt auf mich sehr authentisch. Ein einziger Wermutstropfen wäre für mich, dass ich die familiären Verstrickungen teilweise als etwas unausgereift empfunden habe. Das hat jedoch dem ganzen keinen Abbruch getan, sodass ich „Kein Teil der Welt“ guten Gewissens weiterempfehlen würde.    

    Stefanie De Velasco: „Kein Teil der Welt“. Kiepenheuer & Witsch. 432 S., 22 €

  • Biografisches,  Female-Friday,  Gegenwartsliteratur

    Oh Simone!

    Hello again! Nach einer mittlerweile doch sehr langen Abwesenheit melde ich mich hiermit zurück und möchte damit gleichzeitig auch den Beginn einer neuen Reihe einleiten. „Female-Friday“ ist eine Idee, die ich schon länger plane, aber bisher noch nicht umgesetzt bekommen habe. Das heißt, ich möchte euch hier in regelmäßigen Abständen immer freitags Bücher von und/oder über interessante Frauen vorstellen. Über Anregungen eurerseits würde ich mich natürlich sehr freuen! 

    Den Start macht ein Buch, dass sowohl von als auch über eine Frau ist. „Oh Simone! Warum wir Beauvoir wiederentdecken sollten“ von Julia Korbik ist durch die Empfehlung einer Freundin in meine Hände geraten. Sie war so lieb, es mir auszuleihen. Aber bereits zuvor habe ich immer wieder über Simone de Beauvoir gehört und wollte unbedingt mehr über sie wissen. Gerade im Kontext des aktuell neu entflammten Feminismus fällt ihr Name oft. 

    Korbrik bietet mit ihrem Buch eine gute Grundlage um mehr über diese spannende Philosophin, Feministin und Schriftstellerin zu erfahren. In verschiedenen Kapiteln gibt sie einen Überblick über deren Biografie, aber geht dabei auch nochmals separat auf ihr literarisches Schaffen oder philosophisches Denken ein. Das hatte den Vorteil, dass ich einen Überblick über die verschiedenen Facetten der Beauvoir hatte. Aufgrund ihres vermutlich bekanntesten Werkes „Das andere Geschlecht“ werden diese gerne vergessen. So geht Korbik auch auf Beauvoirs äußerst emanzipiertes und revolutionäres Liebesleben ein. Diese war trotz einiger Anträge ihr ganzes Leben lang unverheiratet, erhielt darüber hinaus auch gerne Beziehungen zu verschiedenen Frauen. 

    Innerhalb dieser Abschnitte erhält man außerdem in einer Art Info-Kasten Hintergrundinformationen. So stellt sie beispielsweise auch deren langjährigen Lebensgefährten Jean-Paul Satre, aber auch andere Freunde, Weggefährten oder philosophische Ansätze näher vor. Das hat an vielen Stellen meine Neugier geweckt, mich auch mit diesen Personen oder Themen noch einmal eingehender zu beschäftigen. 

    Das hatte aber auch zur Folge, dass es möglicherweise ratsam ist, sich mit diesem Buch Zeit zu lassen. Ich fand es unheimlich informationsreich, dadurch aber auch recht intensiv. Korbik hat einen angenehmen Schreibstil, aber gerade für manche philosophischen Ansätze brachte ich manchmal etwas, um einen Überblick bei allem zu behalten. Das ist aber okay, denn wie bereits gesagt, möchte ich mich mit einigen Inhalten des Buches nochmals näher beschäftigen. 

    Ihr Ziel hat die Autorin also erreicht. Mich hat sie tatsächlich überzeugt, dass ich Simone de Beauvoir für mich entdecken möchte/sollte.   

    Julia Korbik: „Oh Simone! Warum wir Beauvoir wiederentdeckten sollten“. Rowohlt Verlag. 320 S., 13 €