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    Meine Bücher im Mai

    Wir befinden uns zwar schon mitten im Juni, aber da es bei mir eben immer etwas chaotisch zugeht, kommen nachfolgend trotzdem noch meine Bücher des Monats Mai.

    Hanna Lemke – Gesichertes – Stories

    Nichts ist gesichert in diesen Geschichten, die Liebe nicht und schon gar nicht das Einkommen. Die jungen Frauen und Männer ziehen durch die Clubs und Kneipen der Städte genauso wie durch ihre Wohngemeinschaften und Jobs. Zu jung, um etabliert, zu alt, um sorglos zu sein, lassen sie sich treiben durch eine Welt voll verbrauchter Gesten und beobachten dabei mit verstörender Empfindsamkeit sich selbst und die anderen. Alles, was Georg besitzt, passt in eine Reisetasche, und wenn ihm langweilig wird, zieht er wieder aus. Doch solange er da ist, ist es schön. Katrin sieht überall Idioten, eigentlich müsste sie immer eine Knarre dabei haben. Und das Glück, das Milan immer hatte, auch bei seinem Autounfall, wollte er vermutlich gar nicht. In einer eindringlich konzentrierten Sprache erkundet Hanna Lemke die zufälligen Begegnungen und brechenden Beziehungen, die Stimmungen, Spannungen und Unsicherheiten an den Randgebieten einer Jugend, die nicht enden will, und erzählt von der existenziellen Suche nach einer Haltung, die keine Pose ist.

    Viel muss ich hierzu ja nicht mehr sagen, meine Meinung habe ich in der Rezension bereits schon deutlich gesagt. Ich kann vielleicht verstehen, was mancher in den Geschichten sehen mag, aber ich würde es nicht weiter empfehlen.

    Fazit: ★★ von 5

    Stefanie de Velasco – Tigermilch

    Nini und Jameelah leben in derselben Siedlung, sie sind unzertrennlich und mit ihren 14 Jahren eigentlich erwachsen, finden sie. Deswegen kaufen sie sich Ringelstrümpfe, die sie bis zu den Oberschenkeln hochziehen, wenn sie ganz cool und pomade auf die Kurfürsten gehen, um für das Projekt Entjungferung zu üben. Sie mischen Milch, Mariacron und Maracujasaft auf der Schultoilette. Sie nennen das Tigermilch und streifen durch den Sommer, der ihr letzter gemeinsamer sein könnte. Die beiden Freundinnen lassen sich durch die Hitze treiben, sie treffen nicht Tom Sawyer oder Huck Finn, aber hängen mit Nico ab. Nico, der in der ganzen Stadt „Sad“ an die Wände malt und Nini ein Gefühl von Zuhause gibt. Sie machen Bahnpartys, rauchen Ott in Telefonzellen und gehen mit Amir ins Schwimmbad. Amir, den sie beschützen wie einen kleinen Bruder. Und dessen großer Bruder Tarik im Dauerstreit mit seiner Schwester liegt, weil diese sich in einen Serben verliebt hat.

    Ein typischer Coming-of-Age-Roman, also gar nicht mein Genre. Auch hier hatte ich mir das Buch nicht selbst ausgewählt, sondern es für ein Seminar gelesen, fand es dann aber am Ende besser als gedacht. Es war definitiv schockierend zu lesen, da die angeschnittenen Themen doch sehr provokant sind. Nichts desto trotz finde ich es lesenswert. Ein Fan von solchen Jugendbüchern werde ich wohl trotzdem nicht werden.  

    Fazit: ★★★★ von 5

    Heinrich von Kleist – Das Erdbeben in Chili

    »Das Erdbeben in Chili«, erschienen im Jahr 1807 unter dem Titel »Jeronimo und Josephe. Eine Scene aus dem Erdbeben zu Chili, vom Jahr 1647«, ist die erste gedruckte Erzählung Heinrich von Kleists. Eine fürchterliche Naturkatastrophe, die mit dem Schicksal von Jeronimo Rugera und Donna Josephe verknüpft ist, führt zu einer Rettung der beiden aus dem Gefängnis; doch die Geschichte endet in einer schrecklichen menschlichen Katastrophe.

    Ein deutscher Klassiker, der sicherlich nicht schadet. Es ist immer erstmal etwas gewöhnungsbedürftig solche älteren Werke zu lesen, einfach aufgrund der Sprache und der historischen Distanz. Aber auch Kleist gehört zum deutschen Kulturgut und ist nicht umsonst noch heute bekannt. Die Relevanz seiner Werke ist zeitlos, die Gestaltung ist extrem vielschichtig und faszinierend.

    Fazit: ★★★★ von 5

    Dirk Kurbjuweit – Zweier ohne

    Über sieben Jahre hinweg wächst die Freundschaft zwischen Johann und dem gleichaltrigen Ludwig. Bis wir Zwillinge sind, sagt Ludwig, denn nur so haben sie beim Ruder-Wettkampf im Zweier ohne gegen die echten Zwillinge aus Potsdam eine reelle Chance. Als Johann mit Ludwigs Schwester Vera schläft, versucht er es vor Ludwig zu verbergen. Der wird immer seltsamer. Statt zu fasten für den Wettkampf, beginnt er maßlos zu fressen. Er klettert auch immer häufiger hinauf zur Brücke, von der sich manchmal nachts die Selbstmörder stürzen.

    Teilweise war die Handlung etwas zäh, aber trotzdem fand ich es insgesamt spannend. Besonders die Auflösung der dreier Konstellation hat mich überzeugt. Für mich war es jedoch eher ein Jungenbuch, aus diesem Grund konnte ich mich nicht ganz hineinversetzen in den Protagonisten.  

    Fazit: ★★★★ von 5

    Maxim Biller– Sechs Koffer

    In jeder Familie gibt es Geheimnisse und Gerüchte, die von Generation zu Generation weiterleben. Manchmal geht es dabei um Leben und Tod. Aus sechs Perspektiven erzählt der Roman von einem großen Verrat, einer Denunziation. Das Opfer: der Großvater des inzwischen in Berlin lebenden Erzählers, der 1960 in der Sowjetunion hingerichtet wurde. Unter Verdacht: die eigene Verwandtschaft. Eine Erzählung über sowjetische Geheimdienstakten, über das tschechische Kino der Nachkriegszeit, vergiftete Liebesbeziehungen und die Machenschaften sexsüchtiger Kultur-Apparatschiks.

    Maxim Biller war zwischen meinen ganzen Pflichtlektüren eine echte Entdeckung für mich. Zum einen hat mich die Thematik wahnsinnig interessiert (Sozialismus, KGB, Ost-West-Trennung) , auf der anderen war Billers Vermischung von Wahrheit und Fiktion, die verschiedenen Perspektiven, sowie die verschiedenen Vor- und Rückblenden äußerst kunstvoll gestaltet. “Sechs Koffer” war letztes Jahr zurecht auf der Short List des Deutschen Buchpreises.

    Fazit: ★★★★★ von 5

    Agatha Christie – N oder M ? – Ein Fall für Tommy und Tuppence

    Niemand würde hinter Tommy und Tuppence Beresford ein ausgefuchstes Ermittlerduo vermuten – doch genau das sind sie. Und weil sie so harmlos daherkommen, werden sie kurz nach dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs erneut vom britischen Geheimdienst angeheuert. Es hat den Anschein, als hätte sich ein deutscher Nazi als Maulwurf in die obersten Ränge des Geheimdienstes eingeschleust. Tommy und Tuppence müssen all ihr Geschick anwenden, um dem Spion auf die Schliche zu kommen und ihn zu enttarnen – und dabei nicht selbst aufzufliegen.

    Zunächst muss ich natürlich zugeben, Agatha Christies Krimis bereiten mir eigentlich immer großes Vergnügen beim Lesen. Sie ist halt die Queen of Crime! Aber dieses Buch von ihr hat mir besonders gut gefallen, da es sich um ein eher unbekannteres Ermittlerduo ihrerseits handelt. Ich nicht finde, dass sie Poirot oder Miss Marple nachstehen. Dabei ist nämlich gerade die Dynamik zwischen den beiden das spannende. Tuppence ist nämlich ganz im Sinne einer modernen, emanzipierten Frau, die Mutige und Risikobereitere der beiden. Ihr Mann Tommy dagegen muss sie oft zurückhalten, da er wesentlich besorgter ist.  Zusätzlich finde ich, der zeithistorische Hintergrund darf auch nicht außer Acht gelassen werden. Christie veröffentlichte dieses Buch während dem 2. Weltkrieg, auch die Handlung ist dort angesiedelt. Das macht es für mich nochmal interessanter.

    Fazit: ★★★★★ von 5

  • Belletristik,  Blog,  Gegenwartsliteratur

    Gesichertes – Stories

    Egoistisch, verweichlicht, arbeitsscheu – das sind ein paar der Klischees, die gerne der Generation Y nachgesagt werden. Die viel kritisierte Generation, die in den 80er Jahren bis Ende der 90er geboren wurde. Auch die 1981 in Wuppertal geborene Hanna Lemke ist Teil davon und geht in ihrem Debütwerk “Gesichertes” dem Lebensgefühl dieser Bevölkerungsgruppe nach. Da könnte man erwarten, die Autorin würde sich und ihre Zeitgenossen möglicherweise in ein besseres Licht rücken. Doch weit gefehlt, sie bestärkt sie im Gegenteil noch.

    So beschreibt sie sich selbst laut der FAZ als ein „völlig ambitionsloser Mensch“, dies wird auch in den Figuren ihrer Erzählungen deutlich spürbar.

    So geht es in der titelgebenden Geschichte beispielsweise um den umtriebigen Georg, dessen gesamter Besitz in eine Reisetasche passt. Weiter heißt es über ihn: “Seit Jahren fing Georg immer wieder etwas an und hörte, wenn es ihm langweilig wurde, damit auf; eine Ausbildung, ein Studium, einen Job und, zuletzt, ein Leben bei mir.” Dies ist ein roter Faden, der sich durch die komplette Kurzgeschichtensammlung zieht. Entgegen dem Titel ist in den Leben der (meist nicht) handelnden Figuren nichts gesichert. Weder das Einkommen, noch die Liebe. So verspricht es schon der Klappentext.

    Von 2002 bis 2006 studierte Lemke am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig. Den gezielten Einsatz von Worten hat sie dort anscheinend gelernt. Trotz einer knappen, aber präzisen Sprache, wirken ihre Situationsbeschreibungen sehr bildhaft. Sie kommt dabei ohne viele Schnörkel aus. Minimalismus zeichnet ihren Stil aus. So sind alle ihre Texte nur auf das Wesentlichste reduziert, wenn nicht noch weniger. Das ist zweifellos eine Kunst, der Grad zum Nichtssagend-Sein jedoch schmal. Und hier besteht auch das Hauptproblem. So abrupt wie sie anfangen, enden ihre Szenarien auch wieder, um dann schon wieder vergessen zu werden. Eine nachhaltiger Eindruck bleibt genauso verwehrt, wie der Zugang zu den Protagonisten.

    Durch die wenigen enthaltenen Informationen, oft bleibt selbst das Geschlecht der ich-Erzähler im Verborgenen, entsteht eine Distanz, die auch die Protagonisten selbst in ihrem Leben zu haben scheinen. Dadurch fällt es jedoch auch schwer, ein Verständnis für deren Handeln zu entwickeln.

    Auch in “Die Liebe unter Aliens” von Terezia Mora ist Einsamkeit und zwischenmenschliche Distanz ein Thema. Mora schafft es jedoch, dass man für die von ihr kreierten gescheiterten Existenzen Empathie entwickeln kann. Manchmal sogar Hoffnung sieht. Bei Lemke entsteht dagegen überwiegend Unverständnis für diese überwältigende Handlungsunfähigkeit.    

    Literatur darf und soll sicherlich mit Erwartungen brechen. Durch den Bruch mit Bewährtem entsteht schließlich Fortschritt und Innovation. Doch die Essenz einer Erzählung, den Relevanzpunkt, gänzlich zu streichen, ist gewagt. Wenn die Handlung so minimiert wird, dass jegliche Erzählwürdigkeit verloren scheint, was bleibt dann noch ?


    Hanna Lemke: „Gesichertes – Stories“. Verlag Antje Kunstmann. 192 S., 17,90 €