• Belletristik,  Blog,  Female-Friday,  Gegenwartsliteratur

    Wenn es nur Licht gäbe, bevor es dunkel wird

    Vielleicht ist das nur mein persönlicher Eindruck, aber Kurzgeschichten haben für mich außerhalb der Schule nie eine große Rolle gespielt. Ich vertiefe mich lieber in einen Roman, da habe ich eher die Möglichkeit vollkommen in eine fremde Welt zu versinken. Erst mit meinem Lehramtsstudium habe ich begonnen, mich dieser Gattung mehr anzunähern. Sie sind aufgrund ihrer Länge für den Unterricht auch einfach praktischer. Für meine letzte Seminararbeit habe ich mich deshalb an „Wenn es nur Licht gäbe, bevor es dunkel wird“ von Iunona Guruli herangewagt.  Mit dem 2018 veröffentlichten Band hat sie unter anderem ihr Heimatland Georgien auf der Frankfurter Buchmesse vertreten. Die in Tiflis geborene Autorin studierte in ihrer georgischen Heimat Schauspiel und Journalistik, bevor sie 1999 nach Deutschland kam um dort ihre Abschlüsse in Politik und Geschichte zu machen.  Heute arbeitet sie in Berlin als Übersetzerin für Georgisch und Deutsch. Ihr Debütwerk „Die Diagnose“ erhielt in Georgien den nationalen Literaturpreis Saba. Dabei handelt es sich um die Grundlage, der jetzt auf Deutsch erschienenen 16 Kurzgeschichten. Es ist ihre eigene Übersetzung der georgischen Geschichten. Sie selbst sagt dazu, es habe ihr die Freiheit geboten, Dinge expliziter zu sagen, wie es in ihrer Heimat nicht möglich gewesen wäre. Aus diesem Grund ist die deutsche Ausgabe auch ausführlicher geworden.  

    In der Frankfurter Rundschau hieß es dazu treffend, dass Guruli „auf zynische, aber doch empathische Art und Weise die Abgründe des menschlichen Denkens und Handelns“ beschreibt. Sie beschäftigt sich darin mit den extremen Seiten des Lebens. Das heißt, dass es um Themen wie häusliche Gewalt, Drogensucht oder auch Vergewaltigung geht. Das wirkt um so erschreckender, wenn die Autorin erzählt, dass sie eigene Erfahrungen darin verarbeitet hat. In „Der Tanz der Wölfe“ wird beispielsweise über ein junges Mädchen erzählt, dass sich nachts betrunken verirrt und daraufhin von einer Gruppe Männer verfolgt, vergewaltigt und schließlich tot auf dem Waldboden liegen gelassen wird. Doch trotz dieser Grausamkeit bleiben ihr in ihren letzten Momenten noch die Erinnerungen, an die Märchengeschichten ihres Vaters erhalten. Dabei erinnert der sprachliche Stil selbst stark an ein Märchen. Die Figuren erscheinen als schwarz-weiß gezeichnete Stereotypen. Das arme Mädchen, erinnert sich an die Worte des Vaters: „Wenn du nach links gehst, stirbst du. Wenn du nach rechts gehst, stirbst du. Wenn du gerade aus gehst, überlebst du“. Trotzdem bleibt es nicht auf dem rechten Weg, biegt stattdessen links ab. Die bösen Wölfe dagegen verkleiden sich nicht als die Großmutter, sondern tragen hier Jeansjacken und teure Sportschuhe. Doch wenn die Geschichte auch formal an ein Märchen erinnern mag, so gibt es für dieses Rotkäppchen kein Happy End. Ob die Schurken ihre gereichte Strafe bekommen, bleibt ebenfalls ungeklärt.

    Trotz dieser Grausamkeiten gelingt es ihr oftmals einen letzten Funken von Hoffnung zu bewahren und dennoch tiefe Betroffenheit hervorzurufen. In Interviews erklärte Guruli, dass sie mit ihren Geschichten auf die schlechte Stellung der Frau in dem religiösen Georgien aufmerksam machen möchte. Damit trifft sie in der aktuellen MeToo- Debatte aber auch international einen Nerv der Zeit.

    Iunona Guruli: „Wenn es nur Licht gäbe, bevor es dunkel wird “. btb Verlag. 224 S., 20 €

  • Biografisches,  Female-Friday,  Gegenwartsliteratur

    Oh Simone!

    Hello again! Nach einer mittlerweile doch sehr langen Abwesenheit melde ich mich hiermit zurück und möchte damit gleichzeitig auch den Beginn einer neuen Reihe einleiten. „Female-Friday“ ist eine Idee, die ich schon länger plane, aber bisher noch nicht umgesetzt bekommen habe. Das heißt, ich möchte euch hier in regelmäßigen Abständen immer freitags Bücher von und/oder über interessante Frauen vorstellen. Über Anregungen eurerseits würde ich mich natürlich sehr freuen! 

    Den Start macht ein Buch, dass sowohl von als auch über eine Frau ist. „Oh Simone! Warum wir Beauvoir wiederentdecken sollten“ von Julia Korbik ist durch die Empfehlung einer Freundin in meine Hände geraten. Sie war so lieb, es mir auszuleihen. Aber bereits zuvor habe ich immer wieder über Simone de Beauvoir gehört und wollte unbedingt mehr über sie wissen. Gerade im Kontext des aktuell neu entflammten Feminismus fällt ihr Name oft. 

    Korbrik bietet mit ihrem Buch eine gute Grundlage um mehr über diese spannende Philosophin, Feministin und Schriftstellerin zu erfahren. In verschiedenen Kapiteln gibt sie einen Überblick über deren Biografie, aber geht dabei auch nochmals separat auf ihr literarisches Schaffen oder philosophisches Denken ein. Das hatte den Vorteil, dass ich einen Überblick über die verschiedenen Facetten der Beauvoir hatte. Aufgrund ihres vermutlich bekanntesten Werkes „Das andere Geschlecht“ werden diese gerne vergessen. So geht Korbik auch auf Beauvoirs äußerst emanzipiertes und revolutionäres Liebesleben ein. Diese war trotz einiger Anträge ihr ganzes Leben lang unverheiratet, erhielt darüber hinaus auch gerne Beziehungen zu verschiedenen Frauen. 

    Innerhalb dieser Abschnitte erhält man außerdem in einer Art Info-Kasten Hintergrundinformationen. So stellt sie beispielsweise auch deren langjährigen Lebensgefährten Jean-Paul Satre, aber auch andere Freunde, Weggefährten oder philosophische Ansätze näher vor. Das hat an vielen Stellen meine Neugier geweckt, mich auch mit diesen Personen oder Themen noch einmal eingehender zu beschäftigen. 

    Das hatte aber auch zur Folge, dass es möglicherweise ratsam ist, sich mit diesem Buch Zeit zu lassen. Ich fand es unheimlich informationsreich, dadurch aber auch recht intensiv. Korbik hat einen angenehmen Schreibstil, aber gerade für manche philosophischen Ansätze brachte ich manchmal etwas, um einen Überblick bei allem zu behalten. Das ist aber okay, denn wie bereits gesagt, möchte ich mich mit einigen Inhalten des Buches nochmals näher beschäftigen. 

    Ihr Ziel hat die Autorin also erreicht. Mich hat sie tatsächlich überzeugt, dass ich Simone de Beauvoir für mich entdecken möchte/sollte.   

    Julia Korbik: „Oh Simone! Warum wir Beauvoir wiederentdeckten sollten“. Rowohlt Verlag. 320 S., 13 €