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    Eine lang erwartete Fortsetzung

    Hallo ihr lieben Leseratten!

    Wie vermutlich bei euch allen hat Corona mein Leben momentan fest im Griff. Ich bleibe brav zuhause und halte Abstand von meinen Mitmenschen. Aber immerhin ist jetzt ein guter Zeitpunkt für Buchliebhaber. So viel Zeit in Ruhe zu Lesen wie jetzt, hatte ich wahrscheinlich noch nie. Trotzdem merke ich, dass meine Stimmung von den vielen schlechten Nachrichten getrübt wird. Da brauche ich umso mehr Bücher, die mich zum Lachen bringen. Eines davon möchte ich euch auf diesem Wege vorstellen.

    2012 gelang dem Schweizer Autor Thomas Meyer mit seinem Roman „Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse“ der Durchbruch. Im Zentrum der Handlung stand der junge Motti Wolkenbruch, der mit seiner streng jüdischen Familie in Zürich lebte. Als jüngster Sohn stand er schwer unter dem Pantoffel seiner Mame. Diese wünschte sich nichts sehnlicher, als endlich eine anständige jüdische Ehefrau für ihren Sohn zu finden. Doch als der stattdessen in seinem Studium die attraktive Laura kennen lernt, nimmt das Unheil seinen Lauf. Das Entsetzen der Familie ist groß, als sie von Mottis Liebe zu einer Schickse – einer Nichtjüdin – erfährt.

    In seinem Debütroman überzeugte Meyer mich vor allem mit seinem jiddischen Wortwitz und einer großen Portion Humor. Das Buch wurde im deutschsprachigen Raum zu einem Besteller, erhielt unter anderem eine Nominierung für den Schweizer Buchpreis.  Auch die 2018 erschienene Verfilmung von Michael Steiner stand dem nicht nach. Sie wurde zum beliebtesten Schweizer Film des Jahres und ist bisher die einzige weltweit erhältliche Schweizer Produktion auf dem Streamingdienst Netflix. Der Film hat übrigens tolle Aufnahmen von Zürich. Eigentlich wohne ich ja direkt an der Grenze, aber durch die aktuelle Situation ist die Schweiz so weit weg von hier wie noch nie. Da bietet die Verfilmung eine gute Möglichkeit einen Blick auf das schöne Zürich zu werfen.  

    Ende letzten Jahres erschien nun aber auch eine Fortsetzung dazu. Auch in ihr hat Motti wieder einiges zu durchstehen. Nachdem er für seine Familie aufgrund des Verhältnisses zu einer Schickse gestorben ist (selbst eine Todesanzeige haben sie aufgegeben), droht Motti im Hotel zu versumpfen. Doch das währt nicht lange. Von einem Gleichgesinnten wird er mit in ein Kibbuz nach Tel-Aviv eingeladen, was sich jedoch schnell als Standort der Gesellschaft des Weltjudentums entpuppt. Doch trotz prominenter Unterstützung ist deren Streben nach Weltherrschaft bisher erfolglos. Erst als Motti gegen seinen Willen zum Anführer der Gruppe ernannt wird, wendet sich das Blatt. Doch eine geheime Untergrundbewegung von Nazis verfolgt dasselbe Ziel. Mit einer gefährlich attraktiven Agentin wollen sie Motti deshalb aus dem Weg räumen.

    Spielte der erste Band noch überwiegend im beschaulichen Orthodoxen-Viertel in Zürich, schlägt Meyer in seinem zweiten Band vollkommen unerwartete Wege ein. Immer noch mit viel Witz und jiddischen Charme macht er dabei vor keinem Klischee halt und führt diese stattdessen ad absurdum. Da versuchen Nazis jüdischer zu werden, um Juden zu infiltrieren. Die Mitglieder des Weltjudentums wollen dagegen mit einer Freundschaftsanfrage an Mark Bergzucker Facebook übernehmen. Doch obwohl beim Leser für viele Lacher gesorgt ist, möchte Meyer dennoch auf ein ernstes Thema aufmerksam machen. Mit Logik könne man nicht gegen Antisemitismus ankommen, da sei er eben ironisch geworden. Ich bin ihm dafür sehr dankbar, denn mir Hilft er damit durch diesen doch recht tristen Alltag. Vielleicht ja auch euch 🙂

    Thomas Meyer: „Wolkenbruchs waghalsiges Stelldichein mit der Spionin“. Diogenes. 288 S., 24 €

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    Wenn es nur Licht gäbe, bevor es dunkel wird

    Vielleicht ist das nur mein persönlicher Eindruck, aber Kurzgeschichten haben für mich außerhalb der Schule nie eine große Rolle gespielt. Ich vertiefe mich lieber in einen Roman, da habe ich eher die Möglichkeit vollkommen in eine fremde Welt zu versinken. Erst mit meinem Lehramtsstudium habe ich begonnen, mich dieser Gattung mehr anzunähern. Sie sind aufgrund ihrer Länge für den Unterricht auch einfach praktischer. Für meine letzte Seminararbeit habe ich mich deshalb an „Wenn es nur Licht gäbe, bevor es dunkel wird“ von Iunona Guruli herangewagt.  Mit dem 2018 veröffentlichten Band hat sie unter anderem ihr Heimatland Georgien auf der Frankfurter Buchmesse vertreten. Die in Tiflis geborene Autorin studierte in ihrer georgischen Heimat Schauspiel und Journalistik, bevor sie 1999 nach Deutschland kam um dort ihre Abschlüsse in Politik und Geschichte zu machen.  Heute arbeitet sie in Berlin als Übersetzerin für Georgisch und Deutsch. Ihr Debütwerk „Die Diagnose“ erhielt in Georgien den nationalen Literaturpreis Saba. Dabei handelt es sich um die Grundlage, der jetzt auf Deutsch erschienenen 16 Kurzgeschichten. Es ist ihre eigene Übersetzung der georgischen Geschichten. Sie selbst sagt dazu, es habe ihr die Freiheit geboten, Dinge expliziter zu sagen, wie es in ihrer Heimat nicht möglich gewesen wäre. Aus diesem Grund ist die deutsche Ausgabe auch ausführlicher geworden.  

    In der Frankfurter Rundschau hieß es dazu treffend, dass Guruli „auf zynische, aber doch empathische Art und Weise die Abgründe des menschlichen Denkens und Handelns“ beschreibt. Sie beschäftigt sich darin mit den extremen Seiten des Lebens. Das heißt, dass es um Themen wie häusliche Gewalt, Drogensucht oder auch Vergewaltigung geht. Das wirkt um so erschreckender, wenn die Autorin erzählt, dass sie eigene Erfahrungen darin verarbeitet hat. In „Der Tanz der Wölfe“ wird beispielsweise über ein junges Mädchen erzählt, dass sich nachts betrunken verirrt und daraufhin von einer Gruppe Männer verfolgt, vergewaltigt und schließlich tot auf dem Waldboden liegen gelassen wird. Doch trotz dieser Grausamkeit bleiben ihr in ihren letzten Momenten noch die Erinnerungen, an die Märchengeschichten ihres Vaters erhalten. Dabei erinnert der sprachliche Stil selbst stark an ein Märchen. Die Figuren erscheinen als schwarz-weiß gezeichnete Stereotypen. Das arme Mädchen, erinnert sich an die Worte des Vaters: „Wenn du nach links gehst, stirbst du. Wenn du nach rechts gehst, stirbst du. Wenn du gerade aus gehst, überlebst du“. Trotzdem bleibt es nicht auf dem rechten Weg, biegt stattdessen links ab. Die bösen Wölfe dagegen verkleiden sich nicht als die Großmutter, sondern tragen hier Jeansjacken und teure Sportschuhe. Doch wenn die Geschichte auch formal an ein Märchen erinnern mag, so gibt es für dieses Rotkäppchen kein Happy End. Ob die Schurken ihre gereichte Strafe bekommen, bleibt ebenfalls ungeklärt.

    Trotz dieser Grausamkeiten gelingt es ihr oftmals einen letzten Funken von Hoffnung zu bewahren und dennoch tiefe Betroffenheit hervorzurufen. In Interviews erklärte Guruli, dass sie mit ihren Geschichten auf die schlechte Stellung der Frau in dem religiösen Georgien aufmerksam machen möchte. Damit trifft sie in der aktuellen MeToo- Debatte aber auch international einen Nerv der Zeit.

    Iunona Guruli: „Wenn es nur Licht gäbe, bevor es dunkel wird “. btb Verlag. 224 S., 20 €

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    A Thing of Beauty

    Ihr, lieben Buchwürmer, diesmal stelle ich euch ein Buch vor, dass mir von Seiten des Verlages zugetragen wurde. Vor einigen Wochen hatte mir der Phantom Verlag netterweise ein Rezensionsexemplar ihres neu erschienenen Romans „A Thing of Beauty“ von Lilian Rogart zur Verfügung gestellt. Aufgrund von Zeitmangel hat es zwar etwas gedauert, aber hier möchte ich euch nun endlich darüber berichten.

    Bisher hatte ich weder von dem Verlag selbst noch von der Autorin etwas gehört, daher war ich sehr gespannt. Kleine Verlagshäuser haben es gegen die Mediengewalt der großen Konkurrenten immer schwerer, da war es schön auch mal ein relativ unbekanntes Werk in die Finger zu bekommen. Neugierig gemacht hatte mich aber auch die Aussage des Verlags, dass sie sich auf die Verbindung von Romanen und Rockmusik spezialisiert haben. Musik und Bücher sind schließlich ebenfalls meine beiden Passionen.

    Rogarts Debütroman erzählt aus der Sicht des junge Charles Rice, der gerade sein juristisches Staatsexamen abgeschlossen hat. Bevor er sich ins Berufsleben stürzt, möchte er zunächst noch mehr von der Welt erkunden. Dabei trifft er jedoch erstmal auf eine ehemalige Freundin seiner Eltern, Frances Dean. Diese hatte sich bereits in jungen Jahren einen Namen als Managerin zweier berühmter Rockbands gemacht, lebt nun aber völlig zurückgezogen auf ihrem Anwesen Ffrangcon Court. Auf eben diesem eröffnet sich für Charles eine völlig neue Welt. Dean hat sich in ihrer Abgeschiedenheit eine wunderbare Gartenanlage errichtet, die den angehenden Anwalt komplett in ihrem Bann zieht. Auf der anderen Seite lernt er durch Frances Dean jedoch auch die kontroverse und aufregende Welt der Rockmusik und des Musikgeschäfts kennen. Die beiden Bereiche sind so gegensätzlich, dass er nur schwer verstehen kann, wie Dean ein Teil von beidem ist. Das wird ihm vor allem bewusst, als diese sich in einem Pubkonzert von einer außergewöhnlichen Sängerin wieder von ihrem früheren Leben anstecken lässt und wieder als Managerin arbeiten möchte.  

    Dieser Spagat zwischen den beiden Themen des Romans gelingt der Autorin nur teilweise. Gerade in der ersten Hälfte steckt sie sehr viel Aufwand darein, den Garten möglichst detailliert zu beschreiben. Statt einer bildreichen Vorstellung führt das jedoch nur dazu, dass sie damit vermutlich nur echte Blumenliebhaber mitreisen kann. Ich selber musste mich mehr schlecht als recht. Der zweite Teil des Romans hat mir dagegen besser gefallen, denn mit Frances Deans Rückkehr in die Musikbranche nahm die Handlung endlich etwas mehr Fahrt auf. Ich war Neugierig darauf, wie sich ihr zweiter Anlauf im Berufsleben wohl entwickeln wird, aber auch ob dies einen negativen Einfluss auf ihre Freundschaft zu Charles nimmt. Das hat sich aus meiner Sicht, dann auch zufriedenstellend entwickelt.

    Trotzdem wäre es für weitere Werke von Lilian Rogart wünschenswert, weniger Zeit auf ausschweifende Detailbeschreibungen zu verwenden und stattdessen mehr Handlung zu integrieren. Auch hat sie viele interessante philosophische Fragestellungen über Gott, über Ästhetik oder die Natur des Künstlers. Allerdings werden zu viele Fragen aufgeworfen, sodass diese nur oberflächlich behandelt werden und stellenweise der Handlung aufgezwungen wirken.  

    Lilian Rogart: „A Thing of Beauty“. Phantom Verlag. 246 S., 20 €

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    Vom Aufwachsen in einer Glaubensgemeinschaft

    „Kein Teil der Welt“ heißt der neue Roman von Stefanie de Velasco und hat erstmal so gar nichts mit ihrem Erstlingswerk „Tigermilch“ gemeinsam. Während ihre beiden Heldinnen dort scheinbar vollkommen unbeaufsichtigt von Erwachsenen durch eine Welt voller Sex, Drogen und Gewalt streunen, dreht es sich diesmal um die überbehütete Esther. In einer Nacht-und-Nebel-Aktion ziehen deren Eltern mit ihr kurz nach der Wende in den Osten Deutschlands. Als treue Anhänger der Zeugen Jehovas möchten sie dort eine neue Gemeinde aufbauen, vor allem aber auch die vergangenen Geschehnisse hinter sich lassen. Esther tut sich damit jedoch schwer. Zu viel scheint geschehen zu sein, um einen wirklichen Neubeginn zu wagen. Was genau passiert ist, erfährt man beim Lesen zunächst aber lediglich bruchstückhaft. Klar ist nur, dass es mit ihrer Freundin Sulamith zusammenhängt. Seit Kindertagen waren die beiden Mädchen unzertrennlich, denn Kontakt zu Menschen außerhalb ihrer Glaubensgemeinschaft haben die beiden kaum. Doch auch diese Freundschaft ist kein Teil von Esthers Welt mehr, was einen großen Verlust für sie darstellt. So versucht sie in ihrer neuen Heimat herauszufinden, was mit Sulamith passiert ist, stößt währenddessen jedoch auch auf eine Seite ihrer Familiengeschichte, die ihre Eltern vor ihr zu verheimlichen versuchten.

    Ich war sehr gespannt gewesen, was mich in Velascos neuen Roman erwarten würde und bin positiv überrascht worden. Die Thematik hatte mich anfangs etwas abgeschreckt. Ich fürchtete, es könnte möglicherweise theatralisch ausarten, aber das war zum Glück nicht der Fall. Einerseits erzählt sie wie beiläufig von dem streng durchorganisierten Alltag, bei dem jeder sich an Predigtdienst oder den wöchentlichen Zusammenkünften beteiligen muss, denn für Esther gehören diese schließlich zu ihrem Leben unweigerlich dazu. Andererseits gelingt es der Autorin sehr einfühlsam, den Leser auch auf der Gefühlsebene diese eher ungewöhnliche Welt spürbar zu machen. So ist vor allem Kälte ein stetig wiederkehrendes Motiv. Kalt scheinen die vor Ruß ergrauten Häuser der neuen Heimat, kalt sind die langen Predigtdienste im Winter, aber kalt scheint auch Esthers Verhältnis zu ihrer gefühlsarmen Mutter. Da beginnt man beim Lesen fast schon selbst zu frieren.   

    In all ihren Schilderungen schafft Velasco den Spagat, zwar die Absurditäten dessen aufzuzeigen, ohne jedoch diese ins Lächerliche zu ziehen. Möglicherweise liegt das daran, dass die Autorin hier ihre eigenen Erfahrungen verarbeitet. Esthers Entwicklung hin zu Emanzipation wirkt auf mich sehr authentisch. Ein einziger Wermutstropfen wäre für mich, dass ich die familiären Verstrickungen teilweise als etwas unausgereift empfunden habe. Das hat jedoch dem ganzen keinen Abbruch getan, sodass ich „Kein Teil der Welt“ guten Gewissens weiterempfehlen würde.    

    Stefanie De Velasco: „Kein Teil der Welt“. Kiepenheuer & Witsch. 432 S., 22 €

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    Oh Simone!

    Hello again! Nach einer mittlerweile doch sehr langen Abwesenheit melde ich mich hiermit zurück und möchte damit gleichzeitig auch den Beginn einer neuen Reihe einleiten. „Female-Friday“ ist eine Idee, die ich schon länger plane, aber bisher noch nicht umgesetzt bekommen habe. Das heißt, ich möchte euch hier in regelmäßigen Abständen immer freitags Bücher von und/oder über interessante Frauen vorstellen. Über Anregungen eurerseits würde ich mich natürlich sehr freuen! 

    Den Start macht ein Buch, dass sowohl von als auch über eine Frau ist. „Oh Simone! Warum wir Beauvoir wiederentdecken sollten“ von Julia Korbik ist durch die Empfehlung einer Freundin in meine Hände geraten. Sie war so lieb, es mir auszuleihen. Aber bereits zuvor habe ich immer wieder über Simone de Beauvoir gehört und wollte unbedingt mehr über sie wissen. Gerade im Kontext des aktuell neu entflammten Feminismus fällt ihr Name oft. 

    Korbrik bietet mit ihrem Buch eine gute Grundlage um mehr über diese spannende Philosophin, Feministin und Schriftstellerin zu erfahren. In verschiedenen Kapiteln gibt sie einen Überblick über deren Biografie, aber geht dabei auch nochmals separat auf ihr literarisches Schaffen oder philosophisches Denken ein. Das hatte den Vorteil, dass ich einen Überblick über die verschiedenen Facetten der Beauvoir hatte. Aufgrund ihres vermutlich bekanntesten Werkes „Das andere Geschlecht“ werden diese gerne vergessen. So geht Korbik auch auf Beauvoirs äußerst emanzipiertes und revolutionäres Liebesleben ein. Diese war trotz einiger Anträge ihr ganzes Leben lang unverheiratet, erhielt darüber hinaus auch gerne Beziehungen zu verschiedenen Frauen. 

    Innerhalb dieser Abschnitte erhält man außerdem in einer Art Info-Kasten Hintergrundinformationen. So stellt sie beispielsweise auch deren langjährigen Lebensgefährten Jean-Paul Satre, aber auch andere Freunde, Weggefährten oder philosophische Ansätze näher vor. Das hat an vielen Stellen meine Neugier geweckt, mich auch mit diesen Personen oder Themen noch einmal eingehender zu beschäftigen. 

    Das hatte aber auch zur Folge, dass es möglicherweise ratsam ist, sich mit diesem Buch Zeit zu lassen. Ich fand es unheimlich informationsreich, dadurch aber auch recht intensiv. Korbik hat einen angenehmen Schreibstil, aber gerade für manche philosophischen Ansätze brachte ich manchmal etwas, um einen Überblick bei allem zu behalten. Das ist aber okay, denn wie bereits gesagt, möchte ich mich mit einigen Inhalten des Buches nochmals näher beschäftigen. 

    Ihr Ziel hat die Autorin also erreicht. Mich hat sie tatsächlich überzeugt, dass ich Simone de Beauvoir für mich entdecken möchte/sollte.   

    Julia Korbik: „Oh Simone! Warum wir Beauvoir wiederentdeckten sollten“. Rowohlt Verlag. 320 S., 13 €

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    Gesichertes – Stories

    Egoistisch, verweichlicht, arbeitsscheu – das sind ein paar der Klischees, die gerne der Generation Y nachgesagt werden. Die viel kritisierte Generation, die in den 80er Jahren bis Ende der 90er geboren wurde. Auch die 1981 in Wuppertal geborene Hanna Lemke ist Teil davon und geht in ihrem Debütwerk “Gesichertes” dem Lebensgefühl dieser Bevölkerungsgruppe nach. Da könnte man erwarten, die Autorin würde sich und ihre Zeitgenossen möglicherweise in ein besseres Licht rücken. Doch weit gefehlt, sie bestärkt sie im Gegenteil noch.

    So beschreibt sie sich selbst laut der FAZ als ein „völlig ambitionsloser Mensch“, dies wird auch in den Figuren ihrer Erzählungen deutlich spürbar.

    So geht es in der titelgebenden Geschichte beispielsweise um den umtriebigen Georg, dessen gesamter Besitz in eine Reisetasche passt. Weiter heißt es über ihn: “Seit Jahren fing Georg immer wieder etwas an und hörte, wenn es ihm langweilig wurde, damit auf; eine Ausbildung, ein Studium, einen Job und, zuletzt, ein Leben bei mir.” Dies ist ein roter Faden, der sich durch die komplette Kurzgeschichtensammlung zieht. Entgegen dem Titel ist in den Leben der (meist nicht) handelnden Figuren nichts gesichert. Weder das Einkommen, noch die Liebe. So verspricht es schon der Klappentext.

    Von 2002 bis 2006 studierte Lemke am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig. Den gezielten Einsatz von Worten hat sie dort anscheinend gelernt. Trotz einer knappen, aber präzisen Sprache, wirken ihre Situationsbeschreibungen sehr bildhaft. Sie kommt dabei ohne viele Schnörkel aus. Minimalismus zeichnet ihren Stil aus. So sind alle ihre Texte nur auf das Wesentlichste reduziert, wenn nicht noch weniger. Das ist zweifellos eine Kunst, der Grad zum Nichtssagend-Sein jedoch schmal. Und hier besteht auch das Hauptproblem. So abrupt wie sie anfangen, enden ihre Szenarien auch wieder, um dann schon wieder vergessen zu werden. Eine nachhaltiger Eindruck bleibt genauso verwehrt, wie der Zugang zu den Protagonisten.

    Durch die wenigen enthaltenen Informationen, oft bleibt selbst das Geschlecht der ich-Erzähler im Verborgenen, entsteht eine Distanz, die auch die Protagonisten selbst in ihrem Leben zu haben scheinen. Dadurch fällt es jedoch auch schwer, ein Verständnis für deren Handeln zu entwickeln.

    Auch in “Die Liebe unter Aliens” von Terezia Mora ist Einsamkeit und zwischenmenschliche Distanz ein Thema. Mora schafft es jedoch, dass man für die von ihr kreierten gescheiterten Existenzen Empathie entwickeln kann. Manchmal sogar Hoffnung sieht. Bei Lemke entsteht dagegen überwiegend Unverständnis für diese überwältigende Handlungsunfähigkeit.    

    Literatur darf und soll sicherlich mit Erwartungen brechen. Durch den Bruch mit Bewährtem entsteht schließlich Fortschritt und Innovation. Doch die Essenz einer Erzählung, den Relevanzpunkt, gänzlich zu streichen, ist gewagt. Wenn die Handlung so minimiert wird, dass jegliche Erzählwürdigkeit verloren scheint, was bleibt dann noch ?


    Hanna Lemke: „Gesichertes – Stories“. Verlag Antje Kunstmann. 192 S., 17,90 €

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    Becoming – Meine Geschichte

    Michelle Obamas Biografie war seit langem mal wieder ein Buch, das ich in meiner favorisierten Buchhandlung vorbestellt habe.

    In einer politischen Landschaft voller alter Männer war es interessant die relativ jungen Obamas zu beobachten und dabei vor allem Michelle, die offiziell gar kein Amt inne hatte. Sie vertritt für mich das Bild einer modernen, emanzipierten Frau, aber sie steht als engagierten Ehefrau und Mutter auch für traditionelle Werte.

    Es gab für mich also eine Vielzahl von Gründen “Becoming” zu lesen. Trotzdem habe ich es leider erst jetzt geschafft, es durchzulesen, obwohl ich mir das Buch direkt im November gekauft hatte. Mein Studium und verschiedene andere Verpflichtungen hatten mich vom Lesen abgehalten. Umso gespannter war ich, endlich damit anzufangen und meine Erwartungen wurden schließlich voll erfüllt.

    So erzählt Obama von ihrer Kindheit in einem der ärmeren Viertel Chicagos. Noch weit entfernt von einem Leben als weltbekannte Persönlichkeit beschreibt sie sich schon als Grundschülerin so ehrgeizig, dass sie immer zu den besten gehören wollte. Mithilfe der Unterstützung ihrer Eltern schafft sie es so schließlich nach Princeton. Dort stellt sie jedoch schnell fest, dass sie als Afro-Amerikanerin zu einer kleinen Minderheit gehört. Eine Erkenntnis, die auch ihre spätere berufliche Karriere beeinflussen wird. Nach einem erfolgreichen Jura-Studium in Harvard beginnt sie in einer großen Kanzlei zu arbeiten. Dort erfährt man schließlich auch wie sie Ehemann Barack kennen gelernt hat. Ausführlich und authentisch schildert sie ihren weiteren Werdegang, darüber wie sie mit ihrer Familie nie in der Politik landen wollte, bis hin zur Übergabe des Weißen Hauses an Donald Trump.

    Natürlich merkt man ihrer Biographie an, dass in den Vereinigten Staaten möglicherweise alles etwas enthusiastischer und romantisierter betrachtet wird. Ich könnte mir kaum vorstellen, dass beispielsweise Angela Merkel ähnlich begeistert von ihrem Ehemann Joachim Sauer schreiben könnte. Das ist natürlich auf die Spitze getrieben, dennoch erscheint mir unser deutsches Naturell erheblich nüchterner zu sein.

    Unabhängig davon, ist “Becoming” vor allem unglaublich inspirierend. Es erzählt davon, wie Michelle mit viel Fleiß und Disziplin aus einer armen Gegend kommend schließlich an zwei Eliteuniversitäten studiert und eine erfolgreiche Karriere hinlegt.

    Beim Lesen hat es mir immer wieder Respekt eingeflöst, wie zielstrebig sie von Anfang an in ihrem Leben gewesen sein muss. Wie viel harte Arbeit sie investiert hat, auch um sich in der Gesellschaft zu engagieren und nicht nur um reich und erfolgreich zu sein.

    Auf der anderen Seite hat es mich noch mehr überzeugt, welche tiefe Einblicke sie auch in negative Aspekte ihres Privatlebens gegeben hat. So erstaunte es mich beispielsweise, dass sie so offen von den Schwierigkeiten ihres Kinderwunsches erzählt. Gerade die Obamas wirken immer als eine Vorzeigefamilie. Es erscheint gerade zu unvorstellbar, dass es ohne die heutigen medizinischen Möglichkeiten von künstlicher Befruchtung diese Familie so vielleicht gar nicht gäbe.

    Oder wie sie ehrlich die politischen Ambitionen ihres Mannes reflektiert. Zwar hat er in seiner Karriere viel erreicht, aber dafür hatte dies auch einige Schattenseiten für die Familie. Immer voll im Einsatz für seine Ämter, konnte er oftmals nicht bei seinen noch kleinen Kindern sein.

    Insgesamt bot das Buch sowohl Anekdoten zum Schmunzeln sowie einen Blick auf ernstere Themen unserer heutigen Gesellschaft. Gerade in Zeiten von Populismus und nicht enden wollenden Skandalen aus dem Weißen Haus ist es ermutigend zu sehen, was jeder Einzelne von uns erreichen kann.

    Michelle Obama : „Becoming – Meine Geschichte“. Goldmann. 544 S., 26€

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    Frau im Dunkeln

    Elena Ferrante war im letzten Jahr definitiv eine meiner liebsten Autorinnen, “Meine geniale Freundin” und die Folgebände habe ich regelrecht verschlungen. Als ich die Liste der Suhrkamp-Neuveröffentlichungen für das Frühjahr 2019 durchblätterte, fiel mir deshalb sofort “Frau im Dunkeln” ins Auge und ich wusste, dass ich diesen Ferrante-Roman lesen muss. Zu meiner allergrößten Freude bekam ich dann auch bereits vor einigen Wochen ein Rezensions-Exemplar davon zugesandt, allerdings durfte ich noch nicht sofort darüber berichten. Ich musste mich lange gedulden und nun ist es also endlich soweit. Für diese Gelegenheit bin ich dem Suhrkamp-Verlag sehr dankbar!

    Wie ich bereits erwähnt habe, bin ich ein riesiger Fan der Neapolitanischen Saga. Das hatte aber auch zur Folge, dass ich große Erwartungen an diese Neuerscheinung hatte. Gleichzeitig hatte ich somit aber genauso viel Angst davor, enttäuscht zu werden. Trotzdem überwog meine Neugier dann doch recht schnell und ich hatte das Buch innerhalb eines Abends durchgelesen.

    Ferrante erzählt diesmal aus der Perspektive von Leda. Eine Frau um die 50, deren Kinder schon erwachsen und in die Ferne gezogen sind. Von ihrem Mann ist sie bereits längere Zeit getrennt und so genießt sie scheinbar ihr neues ungebundenes Leben in vollen Zügen. Um diese Freiheit auch gebührend zu nutzen, beschließt sie nach langer Zeit wieder einen Urlaub am Meer zu machen. Dabei wird aber von Anfang an klar, dass dieses keineswegs ein vollkommen unbefangener Ausflug sein wird. Schon als sie in ihrer Ferienunterkunft ankommt, entdeckt sie, dass die zunächst perfekt arrangierte Obstplatte unter der Oberfläche bereits zu faulen beginnt. Damit ist der Tenor der weiteren Handlung gesetzt.

    Die scheinbare Idylle, die sie dort vorfindet, verwandelt sich für sie schnell in das Gegenteil – längst vergessene Ängste werden bald wieder in ihr aufgewirbelt.

    Wenn ich Ferrante lese, habe ich konstant das Gefühl, direkt auf einen Unfall zu zu steuern, ohne daran irgendetwas verhindern zu können. Das war auch dieses Mal so. Während dem Lesen gerät man tiefer und tiefer in das psychische Chaos von Leda. Je mehr Puzzlesteine aus ihrer Vergangenheit aufgelöst werden, desto mehr beginnt man Verständnis für ihr Verhalten zu entwickeln. Trotzdem bleibt man als Leser auch immer wieder mit Unverständnis zurück, gerade wenn sie schonungslos offen über ihre Rolle als Mutter resümiert.

    Ferrante beschreibt, wie gewohnt, besonders das Innenleben ihrer Figur so intensiv, dass man sich diesem kaum entziehen kann und mitfiebert bis zur letzten Seite.

    Wer ihre Durchbruchs-Reihe allerdings schon gelesen hat, dem erscheint die Protagonistin schnell vertraut. Ferrante hatte diesen Roman 2006 geschrieben, also noch einige Jahre vor “Meine geniale Freundin” und das merkt man auch. Ich hatte beim Lesen das Gefühl, dass darin schon viel Vorarbeit für Lila und Lenu lag. So greift sie auch hier Themen über schwierige Mutter-Tochter-Beziehungen auf oder etwa die Problematik, ein selbstbestimmtes Leben auch außerhalb der Rolle als Mutter zu führen. Das bietet für mich als Leser natürlich wiederum viel Spielraum für Spekulationen: Wie viel davon steckt wohl in der Autorin selbst? Schließlich bleibt sie (und will dies auch bewusst bleiben) immer nur die Frau im Dunkeln.

    Wenn ich mein Fazit zu diesem Roman ziehe, so muss ich nochmal betonen, man spürt sehr deutlich, dass es das Vorgängerwerk zu “Meine geniale Freundin” ist. Viele Thematiken überschneiden sich, die Figur der Leda findet sich auch in Lila und Lenu wieder. Für ihre nächstes Buch erhoffe ich mir also sehr, dass sie sich aus diesem vertrauten Bereichen hinauswagt und sich ihre Werke noch weiter so positiv entwickeln. Ich kann “Die Frau im Dunkeln” vor allem Ferrante-Fans empfehlen, die mehr in die Welt der Autorin eintauchen möchten oder auch Neueinsteigern um mit dem Ferrante-Fever zu beginnen.

    Elena Ferrante : „Frau im Dunkeln“. Suhrkamp. 188 S., 22€

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    Who the Fuck Is Kafka ?

    Als ich in meiner Lieblingsbuchhandlung meine Buchbestellung abholen wollte, fiel mir beim Stöbern zufällig dieses Buch in die Hände. Der Klappentext erfüllte erstmal überhaupt nicht meine durch den Titel “Who the Fuck Is Kafka” geweckten Erwartungen. Trotzdem war mein Interesse dadurch geweckt.

    Die jüdische Autorin Lizzie Doron schildert in ihrem Roman die Situation der (in Jerusalem lebenden) jüdischen und palästinensischen Gesellschaft mit sich selbst und dem fiktiven Helden Nadim Abu Heni in den Hauptrollen. Damit war auch das Genre für mich erstmal unerwartet, was mich beim Lesen der ersten paar Seiten auch ziemlich verwirrte.

    Es handelt sich eindeutig um einen Roman, der aber als eine Art fiktive Biographie der Autorin verfasst ist. Ganz zu beginn schreibt Doron dazu auch kurz, dass die Figur des Nadim lediglich ein fiktiver Held sei, sie ihn jedoch erdacht hat auf Grundlage vieler ihrer palästinensischer Freunde.

    Die eigentliche Handlung beginnt damit, dass die Protagonistin auf einen Friedenskongress nach Rom reist, an dessen Erfolg für den Nahost-Konflikt sie selbst nicht glauben kann. Während sie immer wieder mit den vorschnellen Ansichten der europäischen Teilnehmer konfrontiert wird, lernt sie bald den Palästinenser Nadim kennen. Zunächst ist er ihr suspekt, auch weil die Mehrheit der Anwesenden sich schnell auf seine Seite der Sicht stellt, als er sie jedoch vor einem eskalierenden Konflikt “rettet” und sie zusammen essen gehen, fangen die beiden an sich anzunähern.

    Danach beginnt eine durchaus holprige Freundschaft, die immer wieder droht von politischen Konflikten überschattet zu werden. Dabei verdeutlicht Doron wunderbar, dass auf der einen Seite die ganze Problematik komplexer ist, als uns von hier aus dem entfernten Europa bewusst ist, aber auch auf der anderen Seite auch die für die meisten Konflikte geltende Wahrheit, dass es alles so einfach sein könnte, wenn alle sich selbst ein bisschen mehr zurücknehmen würden und mehr Verständnis für den Gegenüber entwickeln würden.

    Die beiden Protagonisten haben eben damit immer wieder zu kämpfen. Sie kämpfen gegen ihre eigenen Vorurteile und Ängste, aber auch gegen die ihrer Mitmenschen, wobei sie sich Stück für Stück mehr aus ihrer eigenen Komfortzone hinaus wagen.

    Lizzie Doron zeigt in ihrem Buch keine politischen Lösungen auf und auch die Situation ihrer beiden Helden wird nicht aufgelöst, scheint im Gegenteil geradezu aussichtslos. Aber sie erweckt in ihrer Geschichte Verständnis für die beteiligten Parteien und Mitgefühl für die Leidtragenden solcher Auseinandersetzungen.

    Obwohl die Jerusalem-Problematik bei mir in der Schule angesprochen wurde, habe ich mich nie intensiver damit beschäftigt. Beim Lesen war ich jedoch sofort voll involviert in das Geschehen, ohne dass ich irgendeinen persönlichen Bezug dazu hätte.

    “Who the Fuck is Kafka” war eines der Bücher, die mich zum Nachdenken angeregt haben und auch ein Buch, das man nicht einfach zur Seite legt, um es zu vergessen.

    Es war für mich eines der besten Bücher, die ich in letzter Zeit gelesen habe, und ich kann es nur wärmstens weiterempfehlen damit ein Stückchen über seinen eigenen Tellerrand hinüber zu schauen.

     

    Lizzie Doron: „Who the Fuck is Kafka“. dtv. 264 S., 9,90€

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    Die Sünde der Frau

    Als großer Fan von 50er-Jahre-Filmen, liebe ich natürlich auch die Filme mit Marilyn Monroe, insbesondere in einer ihrer Paraderollen in “Some like it hot” von Billy Wilder. Als ich also nach neuem Lesestoff für den Sommer gesucht habe, fiel mir “Die Sünde der Frau” von der niederländischen Autorin Connie Palmen mit Marilyn auf dem Cover sofort ins Auge und weckte mein Interesse.

    Palmen schreibt allerdings nicht nur über Leinwandlegende Monroe, sondern handelt in drei weiteren kurzen Essays auch noch das Leben von Patricia Highsmith, Jane Bowles und Marguerite Duras ab. Der Gemeinsamkeiten die die Autorin dabei aufzeigen möchte sind laut eigener Aussage “Originalität, Ruhm und Selbstzerstörung”.

    Da ich mich mit den anderen drei Damen bis dato noch nicht weiter auseinandergesetzt hatte, war es interessant einen Einblick in die Biographie dieser drei Künstlerinnen zu bekommen, auch wenn dieser natürlich aufgrund der Kürze der Essays nur sehr oberflächlich ausgefallen ist. Dadurch wurde ich allerdings neugierig und habe selber noch ein wenig weiter im Internet recherchiert.  

    Als “die Sünde” der Frau(en) in ihrem Werk sieht Palmen die Unfähigkeit ihrer Protagonistinnen, sich der ihnen durch ihre Zeit vorgegebenen Rolle als Frau anzupassen. Keine von ihnen gab die ordentliche Hausfrau und Mutter, sondern führte stattdessen ein Leben ihrer Kunst (und dem Laster) gewidmet.

    Das ist in Zeiten, in denen von Gleichberechtigung noch keine Rede war, beeindruckend und inspirierend, allerdings hat mich die teils einseitige Analyse leicht gestört. Wir bekommen das Bild der tragischen Heldin serviert, die logischerweise, da sie sich gegen ihre Lebensumstände aufgelehnt hat, als Quittung dafür die Konsequenz tragen muss: ein Leben voller Tragödien, einschließlich einem tragischem Ende. Dabei wird bei allen vier Frauen besonderen Wert darauf gelegt, dass dieses Schicksal schon durch eine Kindheit ohne Vater , stattdessen aber einer “unfähigen” Mutter vorherzusehen war. Das erscheint mir rührselig und banal, wenn man bedenkt, dass es doch um die Originalität dieser Frauen ging. Sicherlich ist ihre Kindheit prägend gewesen, jedoch hat Palmen ein bisschen sehr viel Freudsche Psychoanalyse in ihrem Werk betrieben.

    Mein Fazit also: “Die Sünde der Frau” lenkt den Blick zwar auf vier interessante Persönlichkeiten, ist aber insgesamt betrachtet recht flach geschrieben.  

     

    Connie Palmen: „Die Sünde der Frau“ .Diogenes. 96 S., 20,00€